Der Löwenbändiger – Experten prophezeien Schalkes Nachwuchsverteidiger Carlos Zambrano eine große Zukunft

Als Superstar Sergio Agüero an diesem Abend des 11. September in der 63. Minute vom Rasen des Estadio Monumental in Lima schleicht, erheben sich die Zuschauer von ihren Sitzen. Aber sie erweisen nicht dem momentan wahrscheinlich größten Sturmtalent des internationalen Fußballs die Ehre. 40.000 Peruaner applaudieren einem jungen Landsmann, von dem sie vorher nie gehört hatten, dessen überragende Defensivleistung sie im Qualifikationsspiel gegen Argentiniens Wundersturm Agüero und Lionel Messi aber faszinierte. Selbst das argentinische Fernsehen kürt den 19-jährigen Abwehrmann von Schalke 04 an diesem Abend zum „Mann des Spiels“. In Deutschland hingegen fristet Carlos Zambrano lange ein Reservistendasein, pendelt zwischen Tribüne und einem Platz auf einer königsblauen Ersatzbank. Im Sommer 2009 allerdings zeigt sich, dass seine Trainer mit ihren Prognosen Recht behalten: Auf Zambrano angesprochen ist von „großer Zukunft“ und „Weltklasseformat“ die Rede. Im ersten Bundesligaspiel der Saison 2009/2010 steht Zambrano neben Marcelo Bordon in der Startelf.

Angesichts seines Leistungspotenzials erscheint es doppelt bitter, dass Carlos Zambrano sich im Rahmen der Champions League-Qualifikation ein Jahr zuvor nicht auch im Verein der Herausforderung Sergio Agüero stellen durfte. Gegen Atletico Madrid gehörte er zwar zum Kader, sein neuer Coach Fred Rutten aber vertraute den erfahrenen Kräften. Es ist fraglich, ob Zambrano eine ähnlich starke Leistung gegen den argentinischen Jungstar hätte abrufen können und damit unter Umständen die schmerzhafte Erinnerung an das eigene Vereinsgründungsjahr im Endergebnis durch Atletico verhindert hätte. Das Gegenteil vermag allerdings auch keiner zu beweisen. Norbert Elgert, legendärer Trainer diverser Schalker Jugendmannschaften, geriet, auf den Kapitän seiner A-Jugend angesprochen, bereits vor einem Jahr ins Schwärmen: „Der Junge wird sich mit seinem großen Talent durchsetzen, im Verein und in der Nationalmannschaft.“

Ein Blick zurück scheint sich zu lohnen: Vieles im Leben des Carlos Zambrano klingt nach Klischee und riecht nach einer mittelmäßigen, weil zu oft realisierten Story für Hollywood. Oder quotensüchtige deutsche Privatsender. Und dennoch sind die zu beachtenden Abschnitte im Leben der Schalker Nachwuchskraft wichtig, dürfen im Hinblick auf das Talent, Leistungsvermögen und auch den Charakter Zambranos nicht verschwiegen werden.

Als der Defensivfußballer am 10. Juli 1989 im Hafenbezirk Callao in der peruanischen Hauptstadt Lima in ärmlichsten Verhältnissen geboren wird, deutet nichts darauf hin, dass ihm neunzehn Jahre später tausende peruanische Fußballfans zujubeln werden und er auf dem Sprung zu einer internationalen Fußballkarriere ist. Das Leben im Andenstaat ist in jenen Tagen geprägt von einem brutalen Bürgerkrieg, massiver Armut und einer Anhäufung gesellschaftspolitischer Unzulänglichkeiten. Wie für unzählige andere Familien bedeutet Leben für die Zambranos einen täglichen Kampf mit nur einem Ziel: Überleben trotz Hunger. Überleben trotz Kriminalität und Anarchie in Bezirken wie Callao.

Natürlich prägt dieser Kampf auch das Leben des Sprösslings Carlos. Das schlaksige Jüngelchen mit den schwarzen Haaren lernt schnell, sich zu behaupten. Er lernt zu kämpfen. Er lernt zu siegen. Und er findet schnell Geschmack daran, auf kleinen, kaputten Betonplätzen gegnerische Stürmer daran zu hindern, den provisorischen Plastikball im nicht minder provisorischen Tor des eigenen Teams unterzubringen. Wie für nahezu alle Jungs in seinem Alter wird Fubito, eine Art Kleinfeldfußball mit leicht abgeänderten Regeln, vor allem aber kleinerem Spielgerät, für Carlos Zambrano wichtigste Beschäftigung in einem tristen, in vielerlei Beziehung lebensgefährlichen Alltag. Fubito lehrt ihn viel über das Leben und nicht zuletzt die Basis im Fußball: Technik, Handlungsschnelligkeit, Zweikampfhärte.

Er fürchtet niemanden. Nicht auf dem Platz. Nicht im Leben. Diese ihm eigene Härte und ein scheinbar unbezwingbarer Mut erinnern an einen Löwenbändiger. Eigenschaften, die ihm schließlich auch den Weg in den Profifußball ebnen. In seinem Heimatland läuft er bereits im Alter von elf Jahren für den Profiklub Academica Deportiva Cantolao auf. Als Stammkraft und Kapitän führt er 2005 die peruanische U17-Auswahl in das Weltmeisterschaftsturnier im eigenen Land. Trotz des frühen Ausscheidens, Hohn und Spott in der heimischen Presse spielt sich Carlos Zambrano in die Notizbücher europäischer Scouts. Sie sehen einen überaus talentierten Fußballer, der verbissen und ohne Angst um jeden Ball kämpft. Und gleichzeitig einen Anführer, dessen Eleganz und Souveränität, dessen Liebe zum Spielgerät an große Namen der Vergangenheit erinnert. Ein knappes Jahr später hat sich für den Jungen aus Callao alles geändert: mit Schalke 04 hat er einen neuen Verein und in Deutschland auch ein neues Zuhause gefunden.

Es ist das Jahr des Sommermärchens und möglicherweise hilft die landesweite Fußballbegeisterung während der Weltmeisterschaft 2006 auch Carlos Zambrano, sich besser in der neuen Umgebung einzuleben. Auch der warme Sommer kommt dem sonnenverwöhnten Südamerikaner sicher gelegen. In der Schalker A-Jugend jedenfalls ist Carlos Zambrano sofort gesetzt, wird wenig später durch überragende Leistungen auf dem Platz Kapitän und Führungskraft einer talentierten Mannschaft.

Während Zambrano in Deutschland langsam an höhere Aufgaben heran geführt wird und unter Felix Magath nun vorerst einen Stammplatz zu haben scheint, gelingt der Sprung in die Nationalmannschaft Perus im Sommer 2008 sehr schnell. Allerdings gilt es ausgerechnet in der Heimat größere Hindernisse aus dem Weg zu räumen. „Wer ist dieses Bürschchen?“, fragen die Printmedien in Lima den umstrittenen Trainer Jose del Solar. „Wie soll uns einer aus einer Nachwuchsmannschaft in Deutschland helfen können?“, schießen sich im Vorfeld der beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Venezuela und Argentinien auch im Fernsehen Kommentatoren auf den neuen Innenverteidiger Carlos Zambrano ein, ohne dass ihn viele der Journalisten überhaupt jemals hätten spielen sehen. Zudem fehlt vielen peruanischen Beobachtern das Wissen um die professionellen Strukturen und Herausforderungen auch im Nachwuchsbereich des europäischen Klubfußballs. In Südamerika wird die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen tendenziell eher vernachlässigt. Es gibt schlicht und ergreifend eine offensichtlich nicht versiegende Quelle an Talenten. Sie spielen am Strand und auf den Betonplätzen der Armenviertel. Die Relevanz gezielter Förderung der eigenen Nachwuchskräfte wird in vielen lateinamerikanischen Ländern ignoriert oder gar nicht erst gesehen.

Seit Anfang September 2008 steht Carlos Zambrano als umjubeltes Beispiel für sehr gute Jugendarbeit, in Deutschland. Und möglicherweise auch für einen Umbruch in der peruanischen Landesauswahl. Auf sein solides, aber noch eher zurückhaltendes Spiel gegen Venezuela, das die Peruaner mit 1:0 gewinnen, folgt der eingangs erwähnte, formidable Auftritt gegen die hoch favorisierten Argentinier. Im Grunde schmeichelt das 1:1-Unentschieden von Lima den Gauchos eher als den Gastgebern. Es ist der erkämpfte Punkt einer neuen Generation, die mit einem mutigen Trainer, aber ohne ihre ausgeladenen Stars Pizarro, Farfan, Guerrero und gesperrten Stammkräfte gegen eine der besten Mannschaften der Welt besteht. Und es ist die vielfach beachtete und medial gewürdigte Reifeprüfung des Carlos Zambrano.

„Carlos ist ein guter Junge, der gerade einmal 19 Jahre alt ist. Vielleicht hat er noch nicht so viele Minuten für Schalke in der Bundesliga gespielt, aber er hat heute gezeigt, dass er sich mit seinem überragenden Talent und seinem Mut auch gegen die besten Stürmer der Welt durchsetzen kann. Peru wird in den kommenden Jahren einen Innenverteidiger mit Weltklasseformat haben“, diktierte Nationalcoach Jose del Solar den Journalisten nach der Partie gegen Argentinien in die Blöcke.

Dass Carlos Zambrano damals nach der rund fünfzehnstündigen Rückreise in seine Wahlheimat Gelsenkirchen den harten Boden der Tatsachen in Form einer Ersatzbank klaglos akzeptierte, um sich dann bis heute in die Stammelf zu kämpfen, spricht für seinen guten Charakter. Er weiß um sein Talent und die hart erarbeitete Chance auf Profifußball. Er weiß, dass seine große Zeit erst langsam beginnt. Die Zeit eines peruanischen Löwenbändigers im Herzen Deutschlands.

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