Die Heldenbäckerei

Es ist ja auch verständlich und lädt trotzdem nicht zu Nachsicht ein. Irgendwo zwischen dem Rücktritt von Franz Beckenbauer und dem Ausscheiden von Lothar Matthäus sind der Fußballnation die Helden abhanden gekommen. Und die deutsche Fußballseele lechzt nach Helden, die deshalb händeringend gesucht werden. Ballack taugt nicht; zu spröde der Charme, zu teutonisch die Auftritte auf dem Platz. Ein Philipp Lahm überzeugt als kreuzbraver Schwiegermutterschwarm („handsome“, würden die Tommys wohl sagen), hat sich für höhere Helden-Weihen aber spätestens seit seinem Werbeauftritt für Deutschlands heldenhafteste Zeitung disqualifiziert. So zieht die geifernde Medienmeute der Jubelperser weiter, immer auf der Suche nach einer neuen Sau, die durchs Dorf getrieben werden kann, nach einem neuen Opfer halbgarer Sympathiebekundungen.

Jetzt also Özil. Mesut mit Vornamen. Aber worüber reden wir denn hier? Wir reden über einen definitiv talentierten jungen Mann, der mit seinen 20 Lenzen jedoch kaum der Mutterbrust entwöhnt ist und jetzt ins kalte Haifischbecken des bundesdeutschen Fußballjournalismus geworfen wird. Unverhofft und fast ohne eigenes Zutun. Er hat ein (in Zahlen: 1) gutes Länderspiel gemacht. Meinetwegen auch ein sehr gutes. Er wird es möglicherweise noch bereuen.

Damit das nicht passiert, eine demütige Bitte: Ball flach halten, Kirche im Dorf lassen, Kuh vom Eis und so weiter. Jedenfalls keine Messias-Zuschreibungen an einen jungen Deutsch-Türken (oder Türken-Deutschen?), der – wenn man die Gebete vor Spielbeginn richtig interpretiert – mit diesen ob seines Glaubens ohnehin wenig anfangen kann. Wenn man ihn in Ruhe eine gute Saison beim SV Werder Bremen spielen lässt, wenn man ihm Zeit und Spielpraxis für eine gute Entwicklung gibt, kann ein sehr guter Spieler aus ihm werden, der auch der Nationalmannschaft weiterhelfen kann und wird. Bis dahin gilt: Setzen, Keks nehmen und wenn man es gar nicht mehr aushalten kann: Den alten Gerd-Müller-Schrein entstauben.

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